Mit Bioprodukten in den arabischen Frühling

||Mit Bioprodukten in den arabischen Frühling
Mit Bioprodukten in den arabischen Frühling2018-08-20T09:24:08+00:00

Kairo
Im Angesicht von einigen der wertvollsten Kulturschätze der Menschheit. Kaum ein Mensch kann sich der eigentümlichen Berührung entziehen, die aus der Begegnung mit den Ursprüngen seiner Herkunft entfaltet.

Durch die Begegnung mit den Kulturen des Altertums empfand Meier schon immer die Nähe der altägyptischen Mythen zum alten Testament. In den Bildern der Schöpfung war man sich um 2000 vor Christus näher als 2000 nach Christus zwischen Christentum und Islam. Aus diesem Grund faszinierte ihn die Kultur des alten Ägypten schon seit dem Moment als ihm mit etwa zwölf oder dreizehn Jahren der Pfarrer aus der Jugendgruppe den ersten kleinen Bildband zu diesem Thema auslieh.

Die ersten Bildbände, die Meier dann selbst als Schüler begehrte, galten dem Thema Ägypten. Das Römer-Pelizäus Museum mit seiner fantastischen ägyptischen Abteilung, die Nofretete in Berlin, die berühmte Tut-Ench-Amon-Wanderausstellung und schließlich die vieles in den Schatten stellende Ägypten- Abteilung des Louvre. Für Menschen, die darin zu lesen verstehen ist die Begegnung in der Geschichte wie die Begegnung mit lebenden Menschen. Will sagen, Geschichte kann durchaus bereichern. Die Übergänge sind fließend: Mit Vorfahren wie David Meier aus dem 30jährigen Krieg lebte Meier von Jugend genauso wie mit dem Abendmahlskelch der Amerdings, der Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert. Bald adoptierte Meier weitere Figuren dazu, Menschen mit Sehnsucht nach Utopieen wie das eigene Engagement für Weltverbesserung. Und wenn er über viele Jahre den Lebensgang einzelner Idealisten aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm II. herausfand und nachzeichnete, dann wurden diese Personen – ohne es gezielt zu wollen – Teil des eigenen Lebens. Und dann begannen deren Erlebnisse und Gedanken zu leben. Und ehe man sich versieht, verschwimmen die Grenzen von Zeit und Raum. Und dann fangen die Figuren an selbst zu leben und sich in die Gegenwart einzumischen. Und irgendwann begriff Meier, dass dies im Grund seine gesamte Weltsicht war: Seine historischen Studien von sozialistisch angehauchten Pfarrern im 19. Jahrhundert, seine Exkursionen durch alte Gemäuer und selbst die Beschäftigung mit dem Christentum. Alles profitierte von dieser Art der Betrachtung und diesem Zugang.

Und da zögerte Meier auch nicht, als ein Kunde ihn kurz nach dem Anbruch des sogenannten Arabischen Frühlings fragte, ob er ihn zur Einführung seiner Bio-Produkte zu einem Vortrag auf einer entsprechenden Konferenz in Kairo begleiten würde. Zu solch einer Anfrage musste Meier nicht nachdenken, obwohl der Weg nach Kairo – in jener Zeit und von außen betrachtet – sicherlich auch mit einigen Risiken behaftet war. Es sollte sich bald herausstellen, dass die persönlichen Risiken sich in jener Phase der noch nicht vollendeten Revolution eher in Grenzen hielten. Ein Aufbruch ohne einen neuen Präsidenten, ohne endgültige Verfassung hat vielleicht gerade deshalb seinen Charme, weil noch Vieles und fast alles möglich erscheint.

Nachdem die Maschine ziemlich verspätet in Kairo gelandet war, chauffierten freundliche Gastgeber die kleine Gruppe aus Deutschland entsprechend der vorgerückten Stunde gerade an zigtausenden friedlicher Besucher vorbei, die aus dem benachbarten Fußballstadion kamen. Garantiert eher zwei- oder dreimal soviel  Menschen wie in einer deutschen Metropole bei derartigen Stadien, aber in Entspanntheit und Friedfertigkeit im Niveau noch weit über den Fan-Auftritten im ansonsten ja eher friedlichen Baden und in Freiburg. Nur dass die Fahrzeuge bedingt durch die die Strasse passierenden Menschen noch später als so schon das vorgesehene Luxushotel am Nil erreichten. Nur die Präsenz eines Polizisten in der Lobby erinnerte daran, dass man sich hier vielleicht nicht ganz in einer Oase des Friedens befand.

Ja, Meier sollte in jenen Tagen die Chance haben, viel zu sehen: Kurz den Tahirplatz, um den herum vor- und nachher immer wieder Menschen für die jeweilige Phase ihrer Revolution gekämpft haben und gestorben sind. Und gleich dahinter das Ägyptische Museum, das Haus mit den wichtigsten Schätzen, die Meier sich vorstellen konnte, wie die Goldmaske des Tut-Ench-Amon mit all den Grabbeilagen des jungen Königs, deren Fotos Meier von Jugend an aus seinen Bildbänden wie gute Freunde vertraut waren. Ja und dann die Phalanx der Pharaonen durch die Dynastien, deren Geschichten Meier ebenfalls als Schüler gesammelt hatte und in selbst zusammengeklebten Lexika verewigte. Und natürlich die beeindruckende Anzahl zahlloser Mumien in erschreckend schlechtem Erhaltungszustand. Kurz, ein Museum, dem angesichts der welt-kulturellen Bedeutung seiner Schätze das Geld fehlte mit einer Präsentation seiner Schätze, die ausschaute, als sei sie vor über hundert Jahren stehengeblieben. Und doch Ehrfurcht gebietend für den, der sich dessen bewusst ist, was hier eigentlich auf engstem Raum gedrängt und schlecht präsentiert, wirklich steht.

Diesem Zustand ähneln auch die drei berühmten Pyramiden am Südrand der Stadt, fast schon eingeholt vom Geröll und Müll jener Metropole, deren Einwohner man heute auf 20 bis 25 Millionen schätzt. Keiner weiß so genau, wie viele hier wirklich wohnen. Und die einst so stolzen Pyramiden mit ihrem Sphinx verkommen zur eingezwängten Kulisse für ärmliche Nachfahren der Grabräuber mit ausgemergelten Kamelen, die von Touristen versuchen, für eine Schmierenvorstellung angesichts der großen Geschichte noch einen Hungerlohn abzustauben. Und selbst wenn man gewillt wäre, Souvenirs jeder Art zu erwerben, es gibt nur wenig wirklich lockende. Und stattdessen viele Formen der offenen und halb verdeckten Bettelei und als Mann konnte sich Meier ansonsten nur berichten lassen, wie Frauen in dieser Stadt mit Aufmerksamkeit heischendem Zischeln ständig angemacht werden, obwohl es im Land des Propheten fast in jeder Bahn sogar extra Waggons für Frauen gibt. Eben eine merkwürdige Mischung.

Originaltext aus @LOST POSTINGS
Klaus-Jürgen Holstein
Wie das Leben schmeckt
ISBN: 978-3-7528-8462-3